10.07.2009

Nebel, Nacht und Nieselregen

von Henryk Dobslaw

Ende Juni fanden im Osterzgebirge südlich von Altenberg die deutschen und tschechischen Meisterschaften im Rogaining statt. Rogaining - erfunden in den siebziger Jahren von drei Australiern names Rod, Gail und Ned, die auf diese Weise den ersten Buchstaben ihrer Vornamen einen Platz in der Weltgeschichte des Sport sicherten, ist ein Team-Orientierungslauf mit freier Postenwahl und extralanger Laufzeit. Die verkürzten Rahmenklassen haben ein Zeitlimit von 6 bzw. 12 Stunden, offizielle Rogaining-Meisterschaften werden über 24 Stunden ausgetragen.

Vom USV TU Dresden wagten sich 3 Teams auf die lange Distanz: Kirstine Heinrich und Frank Wolfram wollten als "InTeam" die Konkurrenz in der Mixed-Wertung auf die Probe stellen. Anja Heinke, Andrea Danz und Katja Engelhardt (Planta Radebeul) hatten gemeinsam mit Andrej Olunczek und Tom Richter vor, mal in aller Ruhe picknicken zugehen. Und Dirk Meyer (Post SV Dresden) und Henryk Dobslaw wollten als "Sommernachtstrauma" einfach nur mal eine Nacht lang aufbleiben.

Die Strategie des "Sommernachtstraumas" war denkbar trivial: die steilsten Anstiege und schwierigsten Felsposten möglichst noch am Tage, Posten auf Feldern und in der Nähe von Ortschaften eher nachts und ansonsten erstmal alle Posten sinnvoll zu einer großen Runde zusammenfassen. Dazu jeweils ein Rucksack voller Leckereien, um bei der Routenplanung nicht von irgendwelchen Kneipenküchenzeiten abhängig zu sein. Der Start war pünktlich um zwölf, in flotten Laufschritt gings los zum ersten Posten, wo wir uns bei der Grabenquerung das erste Mal nasse Füße holten. Nach drei weiteren Posten hatten wir dann auch die anderen wichtigen Lektionen dieses Rogaines gelernt: (1) es gibt immer noch einen Graben mehr im Gelände als auf der Karte, (2) auf einer Rogainekarte grün dargestellte Gebiete können wahlweise Hochwald, halboffenes Gebiet, Dickicht oder auch völlig undurchdringlicher Dschungel sein und (3) ist die Positionsangabe von Punktobjekten wie beispielsweise kleinen Senken im Dickicht immer mit einer gewissen Unschärfe versehen, die dann durch Rasterfahnung zu kompensieren ist.

Aber insgesamt kamen wir gut voran: nach 8 Stunden hatten wir etwa 35km und die steilsten Anstiege hinter uns und warfen uns in unsere Nachtklamotten. Der Plan war, bei Einbruch der Dunkelheit deutlich das Tempo rauszunehmen und keine Fehler mehr zu riskieren, was bei den teilweise recht versteckt hängenden Posten ohne Reflektionsstreifen manchmal gar nicht so einfach war. Trotz einsetzenden Regens und der immer schlechter werdenden Sicht durch Wolken und Nebel war die Stimmung aber bestens. Wir waren nur leider zu langsam, um in der auf Strecke liegenden Kneipe in Holzhau ein Schnitzel ordern zu können: um halb zwei nachts wollte uns da partout keiner mehr bedienen.

Aber so langsam mussten wir dann doch der stetigen körperlichen Belastung Tribut zollen: permanent nasse Füße sorgten für Blasen, gleichzeitiges Essen und Laufen war nicht für jeden Magen die reinste Erholung und diverse Schienbeine und Oberschenkel fingen langsam an zu protestieren. Wir versuchten noch, durch gemütlicheres Laufen und ein paar längere Sitzpausen unsere Körper so weit wie möglich zu schonen, aber gegen drei Uhr mussten wir dann doch einsehen, dass wir diesen Rogaine ohne größere Risiken nicht würden durchlaufen können. Mit bisher erreichten 1800 Punkten aus 15 Stunden Lauf über etwa 55km entschieden wir also, die Sache abzubrechen und zum Ziel zurückzukehren. Blöd war nur, dass wir am Fuße des Kahhübel gerade knappe 20km von diesem entfernt waren. Die folgenden 4 Stunden waren geprägt von stoischer Latscherei, einem total erschöpften 10-Minuten-Schlaf in einer Wanderhütte und einem wunderbaren Vogelkonzert bei aufgehender Sonne, von dem ich leider nur viel zu wenig mitbekommen habe. Im Ziel waren wir dann so erledigt, dass wir in der Wärme des Hashhouses auf zwei Holzbänken erstmal eingeschlafen sind und erst mit dem Geruch zweier großer Becher Kaffee der fürsorglichen tschechischen Veranstalter wieder ins Leben zurückgelockt werden konnten.

Wir wurden mit unserer halben Runde und einem insgesamt 12. Platz dann noch bestplatzierte Deutsche, knapp vor dem "InTeam" und den "Picknickern", die jeweils klugerweise von Anfang an eine nächtliche Schlafpause eingeplant hatten. Aus Dresdner Sicht erfreulich waren auch die Siege von Wieland Kundisch und Thomas Rewig über die 12-Stunden-Distanz und von Anne und Björn Heinemann in der 6-Stunden-Wertung.

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