26.08.2010

Radys Mountain Marathon 2010

von Thomas Rewig

Jedes Jahr trifft sich in der Schweiz ein kleines Grüppchen Verrückter, um bei dem Radys Mountain Marathon die eigenen Grenzen und die der Gegner auszuloten und auszureizen. Mit möglichst leichten und minimalistischen Gepäck zum Übernachten, Überleben und Verpflegen, werden hier, je nach Wettkampfkategorie, Strecken zwischen 32 und 52 Kilometer mit bis zu 3000 Höhenmeter zurückgelegt. Es wird dabei in alpinen bis hochalpinen anspruchsvollen Gelände gelaufen.

Dieses Jahr fand dieser Wettkampf in Pontresina im Kreis Oberengadin statt. Anton Möller und Andreas Lenk hatten sich die kurze Strecke vorgenommen. Martin Riebisch und ich (Thomas Rewig) wollten nach ein paar Jahren Abstinenz vom Radys mal wieder die mittellange Strecke laufen, die wir schon einmal erfolgreich absolviert hatten.

Zum Start wurden wir von Pontresina bzw. vom wunderschönen Naturzeltplatz "Plauns" mit Bussen zur Lagalb auf den Berninapass in 2100m Höhe gefahren. Hier schien noch kräftig die Sonne und ein paar Wagemutige (das waren wir ;-) ) schmierten sich sogar optimistisch mit Sonnencreme ein und hofften, dass das Wetter trotz schlecht klingendem Wetterbericht halten würde.

Nach dem Start ging es zuerst steil den Piz Lagalb hinauf. Martin und ich ließen uns dabei Zeit, denn wir wussten, das wir 6 bis 7 Stunden konstant Leistung geben mussten und wir nicht schnellen Läufern wie den Bergmann-Brüder aus Ilmenau hinterher rennen durften, die ein enormes Tempo vorlegten.

Die ersten Kilometer ging es meist über gut passierbare Alpwiesen und leicht zu belaufende Schutt- und Geröllhänge. Wo es ging, versuchten wir zu laufen und kamen dabei in dem tollen Gebirgspanorama gut voran, obwohl die Flüsse alle durch den Regen der letzten Tage ziemlich viel Wasser führten und man so selbst über ursprünglich kleine Bäche nur mit nassen Füßen kam. Teilweise waren ziemlich lange, kräfteraubende Anstiege auf der Strecke, jedoch wurde man immer mit tollen Gletscherseen und Höhlen belohnt.

Die gute Laune verflog erst, als es ordentlich zu regnen anfing, der Wind teilweise stark und kalt wehte und auch das Gelände steiler und anspruchsvoller wurde. Besonders auf den Graten kühlte man hier beträchtlich aus und musste entscheiden, ob man die Energie ins Zittern oder Laufen investieren wollte. Ziemlich kaputt kamen Martin und ich dann nach 7 Stunden im Ziel an und versuchten die vorgeschriebene Materialkontrolle so schnell wie möglich hinter uns zu bringen, um nicht beim Herumstehen noch mehr auszukühlen.

Hoch erfreut waren wir, als wir sahen, dass ein Stall neben dem Zeltlager genutzt werden konnte, um wenigstens im Trockenen zu kochen. Nachdem wir mit unserem winzigen Spirituskocher zwei Travellunch-Nudel-Mahlzeiten zubereitet und diese dann verdrückt hatten, bauten wir im Regen unser Zelt auf und versuchten danach zu schlafen.

Obwohl ich wegen Schmerzen im Oberschenkel nicht wirklich fest schlafen konnte, war es die ersten Stunden in unserem Minizelt trotz Gewitters wenigstens warm. Bald merkte ich jedoch, dass mein Schlafsack von allen Seiten Wasser aufsaugte, weil das Zelt für so einen starken Regen nicht ausgelegt war. Hinzu kam, das wir das Zelt leicht schräg aufgebaut hatten und nun sich das Wasser in Pfützen auf meiner Hälfte sammelte. Gegen 1 Uhr in der Nacht gab ich wegen der zunehmenden Kälte und Nässe auf, kroch aus dem Zelt und ergatterte den letzten freien Platz im Stall, der schon von Wettkämpfern gefüllt war, deren Zelt bei dem Gewitter auch abgesoffen war. Leider war ich und mein Schlafsack da schon pitschenass und so kroch ich in meine Regenkleidung, legte mich in meinen Schlafsack und hielt bis 5 Uhr Körperspannung, um wenigstens etwas Wärme zu produzieren ... und zählte die endlos langen Sekunden bis endlich der Weckschuss erklang.

Da ich schon beim Umzug in der Nacht gemerkt hatte, dass meine alte Oberschenkelverletztung teils wegen der enormen Belastung, teils wegen der Kälte wieder aufgebrochen war und ich das rechte Bein nicht mehr heben konnte, informierte ich nach dem Aufstehen Martin, dass wir diesmal leider abbrechen müssen. Also kochten wir einen warmen Tee, meldeten uns ab und wanderten bzw. humpelten 2 Stunden zu unserem eigentlichen Zeltplatz zurück, um nach einer warmen Dusche und viel Essen die Wettkämpfer, die durchgehalten hatten, im Ziel zu empfangen.

Viele Finisher gab es bei einem der sicherlich härtesten Radys nicht. Auf der langen Strecke kam genau ein Team von Vieren in das Ziel. Auf unserer mittleren Strecke konnten ganze vier von 13 gestarteten Teams die Zielflagge sehen.

Auch dem zuvor schon erkälteten Andreas gab die kalte und feuchte Nacht den Rest und nur Anton konnte mit einem neuen Teampartner, dessen Gefährtin ebenfalls aufgeben musste, geschafft, aber glücklich das Ziel erreichen.

Vielleicht ist es im Nachhinein gar nicht ganz so schlimm, den Radys diesmal nicht geschafft zu haben. Denn wenn ein Scheitern von vornherein ausgeschlossen ist, ist das Ankommen nur halb so schön. So werden wir den Wert und das Glücksgefühl beim nächsten vollendeten Radys doppelt zu schätzen wissen - auch wenn wir den nächsten Radys bei hoffentlich schönerem Wetter, mit besserem Zelt und hoffentlich gänzlich ausgeheilten Gebrechen in Angriff nehmen werden.

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