26.05.2014

TU Skyrun

von Frank Nitzsche

Als im Winter die Frage anstand, ob man in diesem Sommer zur Swiss-O-Week fahren sollte, oder nicht, war die Antwort natürlich: „Zermatt, auf jeden Fall!“ Doch je näher der Sommer rückt, desto höher erscheinen plötzlich die Berge und desto schlechter der Trainingszustand.
Was also tun? Mein Hausberg hier hat nur 60 Höhenmeter und größere Berge sind, zumindest für regelmäßiges Training, zu weit weg. Aber zum Glück haben uns clevere Ingenieure einige der höchsten Trainingsgeräte Europas nach Frankfurt gebaut.

Einmal im Jahr findet im Frankfurter Messeturm der SkyRun statt – der höchste deutsche Treppenlauf – gleichzeitig Deutsche Meisterschaft und Weltranglistenlauf dieser Disziplin. Da musste ich mitmachen, denn wo sonst findet man 222 Hm auf so kurzer Strecke? Wie kann man besser seine Beißfähigkeit am Berg verbessern?
Nachdem die Anmeldung feststand, kam zuerst die Frage: „Kann man das überhaupt schaffen?“ Die Klärung dieser Frage musste allerdings noch etwas warten. Zunächst musste ich überhaupt einmal wieder in Treppenform kommen, dass hieß, egal wo, egal wie, egal wann, ich nehme die Stufen. Ob in der Uni oder in der U-Bahn, sogar zu Hause bin ich (manchmal) freiwillig in den Keller Wäsche aufhängen gegangen, um zusätzliche Stufen zu nehmen. Nach einigen Einheiten ins Seminar im 9. Stockwerk kamen mir jedoch ernsthafte Zweifel, ob die 61 Stockwerke im Messeturm überhaupt möglich sind. Am 3. Mai wollte ich die Wahrheit herausfinden: An den Wochenenden vor dem Wettkampf gab es für Teilnehmer die Möglichkeit in offenen Trainings ein Gefühl für die Materie zu bekommen. So stand ich dann an jenem Tag um kurz nach elf vor dem Empfangstisch im Atrium des Turmes und bekam auf meine Frage wie das jetzt hier abliefe die lapidare Antwort: „Dort ist die Tür und dann rauf bis es nicht mehr weitergeht.“
Nach dem ersten Lauf war mir klar, dass es geht, und jetzt war der Ehrgeiz geweckt, vielleicht gehen ja doch noch ein paar Sekunden schneller ... Also gleich noch mal rauf ... Am nächsten Wochenende gab es einen weiteren Termin, jetzt wollte ich die Lauftaktik ausfeilen. Es gibt nämlich verschiedene Taktiken, die Profis nehmen immer zwei Stufen auf einmal und ziehen sich zusätzlich noch am Handlauf hoch, als Läufer ist man jedoch gewohnt immer stetig eine Stufe nach der anderen zu nehmen. Nach vier Versuchen entschied ich mich dann für eine Mischung, erst Doppelstufen solange man die noch rennen kann, dann einzelne Stufen joggen und wenn man merkt, dass man langsamer wird, wieder Doppelstufen, um mal andere Muskeln zu nutzen.

Am Sonntag, dem 18. Mai war der Wettkampftag gekommen. Da ich nun wusste, erstens: ich schaff das, und zweitens: es kann sogar Spaß machen, konnte ich mich auch für das Drumherum interessieren. Und plötzlich kam ich mir nicht mehr halb so verrückt vor. Neben dem Hauptlauf („Sprint“) gibt es „Multiclimber“ (die bis zu sieben Mal hochrennen, einer davon ist 73 Jahre ... Respekt) und Feuerwehrmannschaften (diese teilweise mit Atemmaske und voller Ausrüstung, ca. 14kg!). Als Highlight für die Zuschauer gab es eine Leinwand mit Kamera-Livebildern aus dem 30. und 61. Stockwerk.

Zum Lauf selbst bleibt nur zu sagen, die Taktik ist vollumfänglich aufgegangen und dank extra Wettkampfadrenalin konnte ich meine Zeit noch um eine halbe Minute verbessern. Da ich als 180er Läufer startete war der Sauerstoffgehalt im Treppenhaus zwar schon auf Gornergratniveau gefallen, aber das war ja ursprünglich Sinn und Zweck der Sache gewesen. Anders als im Training war am Wettkampftag sogar ein Raum mit Fenster zugänglich, und der Ausblick entschädigte dann vollends für die brennenden Waden und Oberschenkel.
Was diese Aktion als Vorbereitung auf die Schweiz gebracht hat, wird man dann im Sommer sehen, aber wenn die Berge um Zermatt mit Stufen versehen werden, bin ich schon mal vorbereitet!

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