31.05.2017

Ein Tag hat 24 Stunden - und dann kommt noch die Nacht dazu ...

von Friedmar Richter

24-Stunden-OL-Staffel am 27./28. Mai 2017 in Etterwinden

"Team 53 kommt zum Wechsel ... Die 51 und die 65 haben den Endposten passiert ..." Zum sonoren Mantra des Sprechers am Ziel gesellt sich erstes Vogelgezwitscher, während über den Hügelkonturen des Thüringer Waldes ein dünner, orangefarbener Streifen so langsam die Dämmerung einleutet.
Es ist 4 Uhr früh an einem Sonntagmorgen in Etterwinden, dem Austragungsort des diesjährigen 24-Stunden-OL und während ein Großteil der Teilnehmer noch schläft, bereiten sich andere mit glasigen Augen auf ihren anstehenden Wechsel vor, starren gebannt auf zwei Monitore mit dem Durchlauf der Zwischenergebnisse oder berichten sich gegenseitig enthusiastisch, was sie gerade im Wald erlebt, gesehen oder auch nicht gesehen haben. Mit den grellen Stirnleuchten, die Runde für Runde am Zeltplatz vorbei über die Startpflichtstrecke huschen, bevor sie am Waldrand verschwinden, hat die Szenerie etwas von Le Mans, nur ohne den Motorenlärm. Und wie beim französischen Autorennklassiker rotieren die führenden drei Teams wie schweizer Uhrwerke je nach taktisch gewählter Bahnreihenfolge wechseln nicht nur die Läufer, sondern auch die Platzierungen ständig hin und her.
Begonnen hatte das muntere Treiben vor 19 Stunden am Samstag mit dem Startschuss zum Massenstart pünktlich um 9:00 Uhr früh. Mit den 24-Stunden-Teams starteten auch die 12-Stunden- und erstmalig die 4-Stunden-Kinderstaffeln. Bei den Letzgenannten kamen die Startläufer bereits nach unter 10 Minuten zum ersten Wechsel, während die Führenden bei 12 und 24 Stunden etwas später als vom Sprecher erwartet zeitgleich nach knapp 32 Minuten übergaben.
Die Sonne ließ das Thermometer schnell auf über 25C steigen, was zusammen mit den Höhenmetern auch die "short easy"-Bahnen anspruchsvoll werden ließ. Während diese von guten Läufern oft in unter 25 Minuten absolviert wurden, wurden die "short difficult"-Bahnen diesmal ihrem Namen mehr als gerecht. Mit doppelt so vielen Höhenmetern, Postenverbindungen auf denen Wege nur selten eine kräftesparende Alternative zum Querlaufen boten und dem einen oder anderen kniffligen Postenstandort in oder zwischen grünen Flecken, reichten die Laufzeit hier oft an die der "long easy"-Bahnen heran. "Long difficult"-Karten zogen eigentlich nur diejenigen Teams, die sich Chancen auf vordere Platzierungen erhofften.
Zurück zum Sonntagmorgen: Die Uhr tickt in grellen, roten Lettern immer unaufhaltsam weiter Richtung 9:00 Uhr. Die Sonne scheint inzwischen ebenso grell und unverhohlen wie am Vortag vom Himmel herab, so dass es auch die letzten Schläfrigen wieder aus ihren sich aufheizenden Zelten treibt. Letzte taktische Spielchen werden durchdacht: Welche Schlussbahnen schafft man noch? Lohnt es sich, das Reglement auszureizen und einen der sechs Läufer zugunsten eines schnelleren beim letzten Wechsel zu übergehen? Mancher Läufer, der noch nicht mit Tunnelblick die Zielpflichtstrecke am Sportplatzrand absolviert, kann beim Anblick der wartenden Duschen und dem hinüberwabernden Essensdüften noch einmal letzte Kräfte mobilisieren.
Eines ist inzwischen klar: Der Staffelsieg entscheidet sich zwischen dem USV-TU-Team "Tradicionali atri" (M. Jaunsproge, C. Eckardt, H. Gossel, T. Kääriäinen, W. Kundisch und K. Leideck) und dem ebenfalls sehr stark besetzten Team "G. S. reloaded". Am Ende haben die Grünen aus Dresden mit gleicher Streckenanzahl und nur 12 Minuten Vorsprung die Nase knapp vorn und können zurecht über das Geschaffte jubeln. In der 12-Stunden-Staffel-Entscheidung am Samstagabend musste sich das tschechisch-deutsche Siegerteam von 2015 "Bulldozer Deluxe" mit unseren "Halbtschechen" J. Neumann und F. Flechsig (ebenfalls USV TU Dresden) diesmal nur dem aktuellen Junioren-Nationalkader "The 98ers" geschlagen geben. Beide Mannschaften lieferten sich einen harten Fight, obwohl sie kurzfristig jeweils auf einen starken Läufer verzichten mussten, so dass die verbliebenen am Ende pro Kopf ähnlich viele Strecken auf dem Konto hatten wie die 24er-Teams.
Neben dem Top-Wetter und dem schönen Gelände werden wohl alle Teilnehmer einige unvergessliche Erlebnisse in Erinnerung behalten, die so nur der 24-Stunden-OL bieten kann. Gesamtleiter Sören Lösch jedenfalls verspricht, dass es in zwei Jahren wieder einen "24er" geben wird irgendwo im Thüringer Wald.

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