21.02.2018

Top Turnov-Trainingswochenende!

von Wieland Kundisch

Turnov, eine kleine Stadt im Norden Tschechiens, hat mehr als einen OL-Verein. Der Oddíl orientačního běhu TJ Turnov zählt vielleicht so viele Mitglieder wie unsere Abteilung, inklusive Spitzenläufer. Und einige von uns sind auch dabei. So kam es, dass Patricia Nieke eine schicke Einladung an die tschechische Elite an Dresdner OLer weitergeben durfte, die deutlich mehr als einmal die Woche trainieren. Ein Trainingslager im Böhmischen Paradies – wo auch bald wieder einmal das Oster-TL des Sachsenkaders folgt – das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Patricia selbst, ihre Schwester Corinna und Matthias „Matti“ Kretzschmar vom Post SV Dresden auch nicht. Mehr waren anderweitig beschäftigt oder krank.

Die Abenteuerliche
Los ging es mit einem Nacht-OL am Freitag von der Burg Kost aus. Und das war bereits die erste Hürde: Ich lief durch die Burg, die außerhalb der Karte lag, und konnte den Start nicht finden. Einer Tschechin aus Brno ging es ebenso. Patricia rettete uns – an der Burg entlang. Ich glaube, es war mein erster Nacht-OL in (solchen) Felsen. Und ausgerechnet das Wasserloch fand ich nicht. Zeit verstrich, ich mochte nicht abkürzen, rannte und stieg aufgeregt und erfreut wie ein Kind durch die Felsen, froh (insbesondere wenn ein Reflektor leuchtete), hörte ein wildes Tier, meinte eins zu sehen. Und plötzlich leuchtete gar nix mehr. Kabelbruch? Nein. Nicht lange genug aufgeladen, weil die Ladeanzeige fehlzeigt? So musste es sein. Ich kam richtig in der Nacht an. Der Wald war stockdunkel. Ich hatte Glück, es nicht mehr soo weit vom vorvorletzten Posten ins Ziel und von dort zum Parkplatz, wo die anderen warteten. Ungefähr alle 2min hatte ich noch einmal für rund 2s Kunstlicht gehabt.
Beim Abendessen bei Miška Omova und Jan „Jenda“ Schulhof, den (Haupt)Organisatoren, direkt gegenüber der Turn(ov)halle, fragte ich mich, wann ich das letzte Mal in einem TL lediglich Sportler war.

Die Lange
Am Samstag ab 9:10Uhr lief eine Horde Turnover, Prager, Kamenicer, Jablonecer, ... und Dresdner OLer durch die Stadt zum Bahnhof, stieg in einen gemütlichen Nahverkehrszug voller älterer Wanderer und an drei Stationen nach und nach wieder aus. Matti und ich befanden uns unweit der Burg Trosky, wo Matti sich an einen seiner „Nice Holidays“ erinnerte, und die wir gleich einmal „erklommen“. Durch etwas Schnee und die Felsen sahen die winterlich kahlen Wälder und Felder weniger trostlos aus. Jenda führte uns durch eine schöne Schlucht auf einen Höhenpfad. Dort genoßen wir die erste Aussicht. Wir liefen locker und auf einigen fast unbefahrenen Straßen Richtung Turnov. Das für den Weltcup Anfang Oktober gesperrte Gebiet umliefen wir bewusst und blickten von einem Turm auf die Stadt, unser Ziel. Im Rücken das Paradies. Angekommen, lagen fast 25km Laufstrecke hinter uns.

Die Rasante
Am Nachmittag wehte uns am Parkplatz der Duft von Schwein entgegen. Wer findet das eklig, isst aber Schwein? Von Wildschwein hier direkt keine Spur. Dafür der Frisbee spielende Hund und später Rehe zwischen den Zieleinläufern am entfernteren Start. Eine Uhr mit Anzeige piepte alle 20 Sekunden 5 Sekunden im OLern bekannten Starttakt und meist rannte dann auch Eine(r) los. Die Augen nach vorn auf „die Beute“ gerichtet – Jagdstart-OL. Ich überholte Matti und andere durch Umlaufrouten und klare Auffänge im Felslabyrinth neben dem Schweinebetrieb, plante auf einer Laufstrecke schön vor und machte dann dennoch im Gewusel der eingeholten Meute und nachfolgend Fehler. Wie menschlich und sonst würde es ja langweilig. Was wäre Biathlon ohne Fehlschüsse? – In den Pausen schauten wir in Miškas Wohnzimmer die Winterolympiade. – Die angekündigten 3,7km Luftlinie waren dann doch 5 und einen Steinposten hing „Bulldozer“ Vít „Vítek“ Zakouřil so hoch, dass man klettern musste – Spaß muss sein. Die letzten Posten lagen dicht an dicht in Zielnähe und es folgte ein Schlagabtausch nach dem anderen zwischen Verfolgten und Verfolgern. Die Zielstation lag ohne Postenschirm und Postenbeschreibung auf dem Boden – nicht jede(r) sah sie gleich. Drei waren vor mir drinnen. Ich hatte die schnellste Einzelzeit – trotz „Fehlschüssen“.
Am Abend gab es Pizza und für einige der Tschechen Bier, auch einige der Damen, samt Polin.

Die Geniale
Am Sonntag folgte dann die Karte der Karten: Drábovna. Und wir bekamen gleich drei Stück davon vorm Start: eine in 1:7.500, eine zweite in größerem Maßstab mit noch mehr Details – und noch einmal die 1:7.500er. Routenwahlen und enge Schloten, durch die selbst ich kaum passte. Den vergrößerten Ausschnitt, den einige Läufer wegen der Höhlen gar mit Lampen genutzt hatten, hatte Daniel „Dann“ Wolf im letzten Sommer aufgenommen. Das erzählte er mir, nachdem er uns im Gelände wieder einmal fotografiert hatte. Puh, ein Satz wie die Felslabyrinthe. ;-)
Ich verliebte mich in den offenen Felswald, maß ein paar Stellen ein – durch manche Passagen passte ich auch wirklich nicht! - und konnte Matti nur recht geben, als er mir im Lauf deutlich zuraunte, dass sei sein bestes OL-Training ever.

Die Frühlingshafte
Sonntagmittag war noch nicht Schluss, auch wenn die Beine bereits fest waren und sich nach Pause sehnten. Wir wollten und durften noch einmal: Frühlingscup, die Karte in Postkartengröße, 24 Posten, noch einmal (knapp) 5km Luftlinie, einzelne Posten auf Hügeln – Kinderposten, an einem Süßes – derzeit nichts für mich.
Und einen Posten in der Mitte der Bahn fand ich nicht. Konnte der weg sein, falsch hängen? Einige Schirme lagen absichtlich auf dem Boden und die Stationen (unsynchronisiert) darauf/daneben. Ich kreiste. Ist doch sonst alles top bei den tschechischen OLern! Er hing falsch und gefährlich. Schade, aber was wäre Biathlon ohne Fehlschüsse? Und es bleibt dabei: die, die was machen, machen Fehler, lernen dazu. Der Eifer zum Training und zur Trainingsorganisation kann anstecken.

Patricia kam kurz nach uns ins Ziel, allerdings nicht vom Endposten: Schuh kaputt, die Innensohle war zur Seite heraus gekommen. Davon, dass mir das vor drei Wochen passiert war, hatte ich ihr erst am Vormittag, wo ihr Schuh schon deutliche Auflösungsanzeichen aufwies, erzählt. Es schien, als hätte sie es fast nicht glauben wollen.

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